Gemäß der Definition ist Kultur ein Satz erlernter Überzeugungen einer Gruppe von Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, dieselben Verhaltensregeln anwenden, dieselben Werte pflegen und ihre Tradition bewahren. Diese Merkmale lassen sich auch in der Gemeinschaft der Gehörlosen erkennen, daher kann man sagen, dass auch Gehörlose ihre eigene Kultur haben. Gehörlose mit einem großen „G“ sind Personen, die sich als Teil der Gehörlosengemeinschaft betrachten, die über eine eigene Sprache – die Gebärdensprache – und eine auf visuellen Lebensstil gegründete, reiche Kultur verfügen.
Da die Population der Menschen mit Hörbehinderung sehr heterogen ist, nutzen nicht alle gehörlosen und schwerhörigen Personen die Gebärdensprache als bevorzugte Sprache, noch fühlen sich alle zur Gemeinschaft der Gehörlosen zugehörig. Gehörlose und schwerhörige Personen können vier Identitäten entwickeln: gehörlos, hörend, bikulturell oder marginalisiert. Welche Identität sie entwickeln, hängt von der Interaktion verschiedener Faktoren ab, von denen die Beherrschung der Laut- oder Gebärdensprache am wichtigsten ist. Die primäre Sprachentwicklung hängt von Grad und Zeitpunkt der Hörbehinderung, dem Einsatz von Hörhilfen, dem Hörstatus der Eltern, der Schulform und der derzeitigen Ausbildung der Person ab.
Die Gemeinschaft der Gehörlosen hat eigene Verhaltensregeln, kulturelle Normen, Ansichten und Perspektiven entwickelt, die sich von der Kultur der Hörenden unterscheiden. Die kulturellen Merkmale der Gehörlosengemeinschaft umfassen:
Gebärdensprache
Die Gebärdensprache ist das bekannteste Merkmal der Gehörlosengemeinschaft. Sie ist die natürliche Sprache der Gehörlosen, die über das Sehen und Beobachten erworben wird und sich in denselben Entwicklungsphasen und -merkmalen entfaltet wie das Erlernen gesprochener Sprache.
Akzeptanz der eigenen Gehörlosigkeit
Für Gehörlose ist Gehörlosigkeit ein Teil ihrer Identität. Sie empfinden kein Mitleid mit sich selbst, sondern akzeptieren ihre Gehörlosigkeit.
Augenkontakt
Da die Kultur der Gehörlosen auf einem visuellen Lebensstil basiert, ist Augenkontakt äußerst wichtig. Während Hörende miteinander sprechen können, ohne Blickkontakt aufzunehmen, gilt das Vermeiden von Augenkontakt in der Gehörlosengemeinschaft als unhöflich.
Direktheit
Die Kommunikation zwischen Gehörlosen kann sehr offen und direkt sein und wirkt aus der Perspektive Hörender manchmal unangemessen, schroff oder sogar unhöflich. Gehörlose kommunizieren ohne Umschweife oder Beschönigungen.
Lange Abschiede
Wenn sich Gehörlose nach einem Treffen verabschieden, dauert dieser Prozess länger als in der Kultur der Hörenden. Dieser Brauch umfasst das Verabschieden von jeder einzelnen Person, oft begleitet von Gesprächen über zusätzliche Themen und der Vereinbarung eines erneuten Treffens. Der Grund für lange Abschiede in der Gehörlosengemeinschaft liegt darin, dass solche Treffen für Gehörlose eine Gelegenheit zum Informationsaustausch und zur Pflege sozialer Kontakte darstellen, die ihnen im Alltag nicht immer leicht zugänglich sind. Lange Abschiede sind daher ein Ausdruck der Wertschätzung der Beziehungen zu anderen Gehörlosen.
Feierlichkeiten und Gedenktage
Gehörlose feiern stolz wichtige Anlässe wie die Internationale Woche der Gehörlosen und den Internationalen Tag der Gebärdensprachen. Sie beteiligen sich an der Organisation von Öffentlichkeitskampagnen über ihre Gemeinschaft und bereiten Feierlichkeiten an Treffpunkten der Gehörlosen (wie Vereinen oder Clubs) vor. Zudem organisieren Gehörlose internationale Zusammenkünfte wie Konferenzen, Sportveranstaltungen oder Feiern. Bei diesen Treffen tauschen Gehörlose ihre Erfahrungen aus, pflegen und fördern ihre Kultur und Sprache und diskutieren wichtige Themen ihrer Gemeinschaft.
Geschichte
Gehörlose sind stolz auf ihre reiche Geschichte, die die Gemeinschaft der Gehörlosen über Jahrhunderte hinweg geprägt hat (der Kampf um Anerkennung ihrer Sprache und Kultur). Sie erinnern sich an bedeutende Persönlichkeiten und gedenken wichtiger historischer Ereignisse, die eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung und Stärkung der Gehörlosengemeinschaft spielten.
Kunst
In der bildenden Kunst thematisieren Gehörlose ihre Identität, ihren visuellen Lebensstil und den Wert der Gebärdensprache. Gehörlose sind auch in Theater, Film und Literatur aktiv, wo sie in Gebärdensprache auf ihre gesellschaftliche Position hinweisen oder die einzigartigen Merkmale ihrer Gemeinschaft hervorheben, womit sie den Gehörlosen-Identität und -Kultur stark fördern.
Humor
Der Humor der Gehörlosen basiert auf den Eigenheiten ihres Alltags als Gehörlose. Witze und Anekdoten beruhen auf realen und alltäglichen Situationen und werden auf humorvolle Weise erzählt. Dies bestätigt, dass Gehörlose sich nicht als Personen mit einem Defizit sehen, sondern ihre Gehörlosigkeit akzeptieren.
Sport
Sport nimmt in der Gehörlosengemeinschaft ebenfalls einen wichtigen Platz ein. Das herausragendste Sportereignis ist die Deaflympics (Olympische Spiele für Gehörlose), die seit 1924 ausgetragen werden. Diese Sportveranstaltung bringt gehörlose Athlet*innen aus der ganzen Welt zusammen. Die Deaflympics finden alle vier Jahre statt und sind in Winter- und Sommerspiele unterteilt.
Gebärdennamen
Gebärdennamen sind Namen, die Gehörlose sich gegenseitig zur einfacheren Identifizierung und Kommunikation geben. Es gibt zwei Arten von Gebärdennamen. Beschreibende Gebärdennamen beziehen sich auf ausgeprägte körperliche oder andere Merkmale einer Person. Beispielsweise kann eine Person aufgrund ihrer Haarfarbe oder -form, wegen einer Brille oder eines anderen markanten Gesichtsmerkmals, ihrer Verhaltensweisen oder Hobbys einen Gebärdennamen erhalten. Alphabetische Gebärdennamen leiten sich aus dem Anfangsbuchstaben des Namens der Person ab.
Gebärdennamen werden nicht nur Gehörlosen gegeben, sondern auch allen, die in irgendeiner Weise mit der Gehörlosengemeinschaft verbunden sind (Dolmetscherinnen, Sozialarbeiterinnen, Psycholog*innen, Fachkräfte usw.). Einige bekannte Personen aus Politik, Unterhaltung oder Sport haben ebenfalls Gebärdennamen, oft ohne dies zu wissen.