Wie kommunizieren gehörlose und schwerhörige Menschen?

Eine Möglichkeit, Hörverlust einzuteilen, erfolgt nach dem Zeitpunkt des Auftretens und unterscheidet zwischen prälingualem und postlingualem Hörverlust – also ob der Hörverlust vor oder nach dem Spracherwerb auftritt. Diese Einteilung sowie der Grad des Hörverlusts (Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit) geben wichtige Informationen über die bevorzugte Kommunikationsweise der betroffenen Person und darüber, wie man ihr am besten begegnet und mit ihr kommuniziert.

Die Gruppe der gehörlosen und schwerhörigen Menschen ist äußerst heterogen. Sie umfasst gehörlose und schwerhörige Menschen, deren primäre Sprache die Gebärdensprache ist, solche, die hauptsächlich in gesprochener Sprache kommunizieren, und Personen, die ihr Gehör erst im Erwachsenenalter verloren haben (postlingual Gehörlose). Die Wahl der bevorzugten Kommunikationsweise hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Grad und Zeitpunkt des Hörverlusts, dem Zeitpunkt der Diagnose, dem Beginn der Rehabilitation, ihrer Kontinuität und Intensität, dem Hörstatus der Eltern und der Unterstützung durch Familie und Umfeld. Diese gewählte Kommunikationsweise ist der primäre bzw. bevorzugte Kommunikationsweg. Die existierenden Kommunikationssysteme für gehörlose und schwerhörige Menschen basieren auf zwei sprachlichen Modalitäten – der Gebärdensprache und anderen Kommunikationssystemen, die auf gesprochener Sprache beruhen.

Gebärdensprache

Gebärdensprachen entstehen spontan innerhalb der Gehörlosengemeinschaft und verschwinden mit dem Wegfall dieser Gemeinschaft. Sie sind die natürlichen und ursprünglichen Sprachen der nationalen Gehörlosengemeinschaften und entwickeln sich unabhängig von gesprochenen Sprachen und voneinander. Zwischen nationalen Gebärdensprachen bestehen große sprachliche Unterschiede, sodass sich Gehörlose aus unterschiedlichen gebärdensprachlichen Gemeinschaften oft nicht verstehen.

Die linguistische Struktur der Gebärdensprache unterscheidet sich von der der gesprochenen Sprachen, sowohl in den grammatikalischen Regeln als auch in der Produktion. Gebärden werden durch gleichzeitige Bewegungen der Hände, des Gesichts, des Kopfes und des Körpers im visuell-räumlichen Kommunikationskanal produziert, im Gegensatz zu den gesprochenen Sprachen, die sich im oral-auditiven Kommunikationskanal abspielen.

Im Laufe der Geschichte gab es in der hörenden Gemeinschaft viele Vorurteile gegenüber der Gebärdensprache, oft basierend auf der Annahme, dass sie ungrammatisch, universell, primitiv oder bildhaft sei. Heute sind viele Gebärdensprachen als eigenständige Sprachen anerkannt, und seit den 1960er-Jahren gibt es erste linguistische Forschungen dazu.

Simultan-Gebärden-Laut-Sprache

Simultan-Gebärden-Laut-Sprache bezeichnet ein manuelles Kommunikationssystem, das kein echtes Sprachsystem darstellt, da dabei gleichzeitig zwei Sprachen – Gebärdensprache und gesprochene Sprache – verwendet werden. Diese Form ist eine visualisierte gesprochene Sprache, die durch Zeichen aus der Gebärdensprache und dem Fingeralphabet unterstützt wird. Die Sätze werden in Übereinstimmung mit der Grammatik der gesprochenen Sprache ausgesprochen, und jedes gesprochene Wort wird zeitgleich durch Gebärden begleitet. Es wird ausschließlich das Vokabular der Gebärdensprache übernommen und in die grammatikalische Struktur der gesprochenen Sprache eingefügt, während die Grammatik der Gebärdensprache vollständig fehlt.

Ebenso fehlen die nonverbalen Zeichen, die sonst wichtige grammatikalische Informationen in der Gebärdensprache übermitteln. In der Simultan-Gebärden-Laut-Sprache dient die Gesichtsmimik dazu, Emotionen auszudrücken oder die Verständlichkeit der gesprochenen Worte zu betonen.

Fingeralphabete

Fingeralphabete stellen gesprochene Sprache in ihrer schriftlichen Form dar. Die Handform stellt dabei einen Buchstaben des Alphabets der jeweiligen Sprache dar. Mit dem Fingeralphabet lassen sich beliebige Wörter und Sätze buchstabieren, jedoch ist dieser Kommunikationsweg relativ langsam, da man nur etwa 60 Wörter pro Minute kommunizieren kann, im Vergleich zu etwa 180 Wörtern pro Minute in gesprochener Sprache. Daher wird das Fingeralphabet meist als Hilfsmittel eingesetzt (z. B. zum Buchstabieren von Neologismen, Fachbegriffen, Namen usw.).

Lippenlesen

Beim Lippenlesen verlassen sich gehörlose und schwerhörige Menschen auf das visuelle Beobachten und das Ablesen des Gesagten, indem sie die Bewegungen von Mund, Zunge, Kiefer und Gesichtsausdruck verfolgen. Diese Form der Kommunikation ist nicht vollständig zuverlässig, da nur etwa 30 % der Laute auf den Lippen sichtbar sind. Sie ist zudem anspruchsvoll und hängt stark von verschiedenen Faktoren ab: der Lichtverhältnisse, der Position des Gegenübers und der Art und Weise, wie gesprochen wird (z. B. zu schnelles Sprechen, Murmeln, Mundbedecken oder Wegdrehen des Gesichts).

Untertitelung oder Transkription

Untertitelung oder Transkription bedeutet die gleichzeitige Übertragung gesprochener Sprache in eine schriftliche Form mit speziellen Geräten. Es gibt auch zahlreiche mobile Apps und Computerprogramme, die den Sprachinput einer nahe stehenden Person erfassen und in Text auf dem Bildschirm umwandeln.

Allgemeine Verhaltensregeln im Umgang mit gehörlosen und schwerhörigen Menschen

Machen Sie durch leichtes Antippen der Schulter oder Handzeichen auf sich aufmerksam.

Nähern Sie sich von vorne und stellen Sie Augenkontakt her.

Wenden Sie Ihr Gesicht in Richtung der Lichtquelle. Gesicht und Mund sollten gut sichtbar sein.

Bedecken Sie Ihren Mund nicht während des Sprechens.

Sprechen Sie langsam und deutlich.

Verwenden Sie kurze, klare Sätze und einen einfachen Wortschatz.

Vergewissern Sie sich, dass Ihre Aussagen verstanden wurden.

Wenn eine Dolmetscherin anwesend ist, sprechen Sie direkt mit der gehörlosen oder schwerhörigen Person, nicht mit demder Dolmetscherin!

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